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20.03.2006
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Gute Unterhaltung

Früher sah ich gern Krimis im Fernsehen. Schaurige Schreie in der Nacht, wehende Vorhänge und die Möglichkeit mitzuraten halfen mir, mich zu entspannen. Splitternde Köpfe, vergewaltigte Teenager und explodierende Warenhäuser in der ersten halben Minute und quälende Langeweile in den restlichen neunundachtzigeinhalb haben mir ein wenig den Spaß verdorben.
Heute mag ich Tierfilme. Ich liebe die einlullende sonore Stimme des Tierfilmsprechers. Sinnlose Gemetzel kommen im Tierfilm selten und endlose Dialoge extrem wortkarger vierschrötiger Kerle fast nie vor. Schon gegen Mittag suche ich alle Kanäle ab. Wenn ich mich in meinen Sessel fläze, denke ich oft an die anderen fünf Millionen in unserem Land, die eben dasselbe tun könnten und ein wohliges Gefühl der Stärke durchschauert mich. Mein Hund mag Tierfilme auch. Er liebt es, sich gerade in dem Augenblick vor der Röhre zu strecken, in dem - nach der 4. Werbeunterbrechung und einer kleinen hoffnungsvollen Drift zum französichen Kunstfilm im Dritten - endlich die sagenhaften ungesehenen Bilder des tasmanischen Beutelpressers gezeigt werden. Dann leckt er - der Hund - sich sehr laut, sehr lange und äußerst hingebungsvoll an Stellen, die ich lieber nicht sehen würde, streckt endlich, wenn die letzten wackeligen Einstellungen aus der stockfinsteren Höhle des tasmanischen Tierchens gezeigt sind, alle Viere von sich und läßt geräuschlos aber ausdauernd Winde fahren, die von der Genfer Konvention geächtet werden sollten. Jetzt ginge ich gern auf den Balkon. Doch ich wohne in einer verkehrsgünstig gelegenen Wohnung in der Hauptstadt. Kein vernünftiger Mensch, der noch alle seine Lungenbläschen beisammen hat, würde sich dem entsetzlichen Gestank der Autoabgase und den hundsgemeinen unsichtbar kleinen Rußpartikeln aussetzen, die unter barbarischem Lärm von der Hauptstraße hinauf in den vierten Stock zu meinem Balkon quellen. So bleibe ich mit dem besten Freund des Menschen und seinem Gestank vor der Glotze hocken und beobachte tränenden Auges den ungewöhnlich grazilen und abwechslungsreichen Balztanz einer viel zu wenig beachteten bis zu zwei Millimeter groß werdenden einheimischen Wirbelwanze und wünsche, ich hätte mich schon als Kind für diese lieblichen Tierchen begeistert, die nicht aus dem Maul stinken, nicht furzen, nicht vor Supermärkten kläffen und ins spärliche hauptstädtische Grün scheißen, wenn ich gerade zum ersten Mal seit Wochen der zierlichen Dunkelhaarigen aus dem zweiten Hinterhof begegne, die ich so gern einmal zum Tierfilm einladen würde. Aber das verbietet sich eh aus Gründen der Mitmenschlichkeit - wegen des Stinktiers im Hundepelz. Ich atme flach, kneife die Augen zusammen und stiere durch einen Tränenschleier auf den Bildschirm. Ich muß umschalten, denn meine Lieblingssendung über Tiere in der freien Natur wird von der 2487. Folge einer Sendung abgelöst, in der sich Menschen zusammen einsperren lassen, deren Nähe ich mit größter Mühe in der U-Bahn ertrage, nicht aber im heimischen Wohnzimmer. Der Infotschännel kontrastiert Bilder friedlich äsender Gnus mit herzlos verschlagwortetem menschlichen Elend im Tickertext. Dort bleibe ich. Ich will phänomenale Einblicke ins Leben des Adlers gewinnen. Schließlich ist er das stolze Wappentier des Landes, das mich so großzügig am Verhungern hindert. Ich finde, wenigstens die Arbeitslosen sollten nationalen Eifer entwickeln. Sie haben allen Grund dazu, teilen sie sich doch die übervollen Flure des Amtes mit den furchtbaren knoblauchfressenden Ausländern, die unseren weltberühmten deutschen Ingenieuren zuerst die Billigjobs auf den Bahnhofsklos wegnehmen und dann mit dem Daimler vorfahren um Stütze zu kassieren. Doch leider sind die Einblicke ins Leben des Adlers noch grausiger als die Anblicke der Teile, die mein Hund so gerne leckt. Da sitzt er, der Adler, das stolze Wappentier der deutschen Republik. Das weiße Gefieder an seinem Hals ist befleckt, um den Schnabel hängen Fetzen blutigen Fleisches, in seinen Krallen hält er etwas, das wie ein Scheuerlappen aussieht, der mit ins Klobecken geflutscht ist und gleich wird er wieder hineinhacken. Nur schnell noch einen langen Strahl ätzender Brühe hinten rausgelassen und dabei das halbe Nest besudelt. Ich stelle mir dieses Tier über den Köpfen unserer obersten Volksvertreter vor - plattgedrückt wie eine Flunder zumal und mit altägyptisch verdrehtem Hals - wie es den gewählten Lobbyisten des Volkes auf den Scheitel scheißt. Und ich wette, das Vieh stinkt bestialisch aus dem Hals! Mein mühsam erarbeiteter Nationalismus kommt ins Wanken. Als ich schlagartig den Berliner Bären - das knuddlige Nightlife-Bärchen - als Raubtier und Aasfresser sehe, wird mir übel. Der national gesinnte arbeitslose Patriot in mir röhrt nach Abhilfe. Zunächst fällt mir das Koala als neues Wappentier ein. Schließlich ernährt es sich ausschließlich von Eukalyptus, hat also immer einen frischen Atem. Außerdem schläft es bis zu zwanzig Stunden am Tag. Sparsamer kann man mit knappen Resourcen kaum umgehen. Es würde den fünf Millionen arbeitsscheuen Patrioten ein leuchtendes Beispiel der Bescheidenheit sein. Außerdem hört man, daß das Tier vom vielen Eukalyptus ständig dun ist. Noch nie hat man ein Koala auf dem Arbeitsamt randalieren sehen. Nur der Beutel macht mir zu schaffen. In einem Parlament könnte das zu völlig falschen Assoziationen führen. Ich denke an Kiwis und Westfalenpferde, selbst Heuschrecken ziehe ich in Betracht. Keines taugt als Symbol der deutschen Republik. Endlich - schon will mein nationaler Muskel erschlaffen - kommt mir die rettende Idee. So wie einst die Industrialisierung den Arbeiter und seine Klasse erschuf, (der eigentlich dazu bestimmt sein sollte, den faulen parasitären Kapitalismus zu überwinden - aber leider stattdessen die Gewerkschaften erfand) gebiert heute die Abschaffung der Arbeit den natürichen Feind der Arbeit: Rentner, Arbeitslose, Beamte - es ist die Klasse der Nichtstuer, die wächst und erstarkt. Nur ein Tier kann diesen Fortschritt symbolisieren. Es schläft fast solange wie das Koala, sein Mageninhalt macht den größten Teil seines Körpergewichtes aus, es bewegt sich langsam, wie zögerlich und erledigt sein Geschäft ohne sein Nest zu beschmutzen. Es hängt ohne sich anzustrengen dank seiner gekrümmten Zehen und ohne soziale Hängematte die meiste Zeit an seinem Ast: Der Geier ist pleite - es lebe das Bundesfaultier!
Samson EidtweiterleitenPermalinkTrackback-Link
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Noch mehr Blindtext

Unterwegs traf es eine Copy. Die Copy warnte das Blindtextchen, da, wo sie herkäme wäre sie zigmal umgeschrieben worden und alles, was von ihrem Ursprung noch übrig wäre, sei das Wort "und" und das Blindtextchen solle umkehren und wieder in sein eigenes, sicheres Land zurückkehren.